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Geschichten aus der Welt des Papiers

Das Papierhaus von Rockport

22.04.2014 - Ein Haus aus Zeitungspapier: Der aus Schweden in die USA emigrierte Maschinenbauingenieur Elis F. Stenman beschloss im Frühling 1922, ein Sommerhaus in der Nähe von Boston zu bauen. Nachdem er das Grundgerüst, den Boden und das Dach aus Holz bauen ließ, kam er auf die Idee, für den größten Teil des Hauses ein eher ungewöhnliches Material zu verwenden – und begann, seine Freunde und Nachbarn um ihre alten Zeitungen zu bitten.

In den nächsten Jahren schichteten und kleisterten Stenman und seine Familie über 100.000 Zeitungen mit einem Leim aus Mehl, Wasser und Apfelschalen zusammen. Aus 215 Schichten Zeitung konstruierte Stenman die Wände und Türen des Hauses. Zum Schutz gegen Wind und Wetter wurden die Wände mit Lack versiegelt. Auf den meisten sind noch lesbare Nachrichten aus den amerikanischen 1920er Jahren zu sehen. Was als Experiment begann, führte auch zu einem außergewöhnlichen Inventar, das beinahe komplett aus Zeitungspapier gefertigt wurde.
Möbel, die Geschichten erzählen. Ein Teil des Schreibtischs berichtet noch heute von Charles Lindberghs historischem Transatlantikflug, auf dem Radioschrank ist von der Präsidentschaftskampagne Herbert Hoovers zu lesen. Die Standuhr enthält die Titelflaggen von Tageszeitungen aller US-Bundesstaaten – allerdings nur 48, weil Alaska und Hawaii damals noch fehlten. Im Klavier sind Zeitungsberichte zu den Nord- und Südpolexpeditionen von Admiral Byrd verarbeitet. Es gibt außerdem Stühle, einen Tisch und stabile Bücherregale. Sogar die Vorhänge sind aus bunten Magazinseiten gemacht. Stenman konstruierte diese kuriosen Stücke aus gerollten und geleimten Zeitungen, die er mit einem Messer zurechtschnitt und entsprechend zusammensetzte. Wo er auf funktionale Barrieren stieß, musste eine Verkleidung genügen – weshalb das Klavier und die Feuerstelle nicht komplett aus Papier bestehen. Laut Stenmans Frau Esther wurde der Kamin, der mit Ausgaben des Boston Sunday Herald verkleidet ist, sogar manchmal benutzt.
Blick in die Vergangenheit. Nach über 90 Jahren beginnen die obersten Schichten der Wände allmählich abzublättern. Darunter kommen immer neue Fragmente von Artikeln, Gesuchen und Anzeigen zum Vorschein, die von längst vergangenen Zeiten erzählen. Das Haus ist eine Zeitkapsel, die nach und nach neue alte Geschichten preisgibt, während die darüber liegenden unter dem Einfluss der Elemente langsam verschwinden.
Obwohl die papiernen Wände seit so langer Zeit dem Wetter standhalten, wäre das Haus ohne Schindeldach wohl schon vor vielen Jahren verschwunden. Seit den 1930er Jahren ist es ein Museum, das heute von einer Großnichte des Erbauers verwaltet wird. Elis F. Stenman selbst lebte und arbeitete bis 1930 während der Sommermonate in seinem Papierhaus und installierte sogar Elektrizität und fließendes Wasser. Er hatte eigentlich vor, die Wände außen mit Schindeln zu verkleiden. Der Überlieferung nach überstand das Papier den ersten Winter aber so gut, dass er neugierig wurde und sich gegen die Schindeln entschied. Warum der Ingenieur auf die Idee kam, ausgerechnet Zeitungspapier zu verwenden, weiß niemand. Seine Nachkommen vermuten, dass der leidenschaftliche Tüftler in Zeiten der Depression ein billiges, überall verbreitetes Material zur Isolierung ausprobieren wollte.
Heute ist das Papierhaus in Rockport ein beliebtes Ausflugsziel in der ohnehin vom Tourismus geprägten Gegend um Cape Ann. Seit 1942 wird Eintritt verlangt. Der ist nicht so zeitlos wie das Haus selbst – inflationsbedingt stieg er von ursprünglich zehn Cent auf die heutigen zwei Dollar.
 

Quellen:

The Boston Globe (02.14): A bounty of offbeat sites for the curious  

http://www.bostonglobe.com/metro/regionals/north/2014/01/26/quirky-museums-north-boston/XEorG0M0hqKXRxDJ9MfWmK/story.html

The Boston University (09.28): Day Tripping: 12 Hours in Rockport

http://www.bu.edu/today/2007/day-tripping-12-hours-in-rockport/

Paperhouse Rockport

http://paperhouserockport.com/index.html

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